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Alternde Gesellschaft Bearbeiten

Konzentriert man sich auf Deutschland, so weiss man, dass unter anderem auch in diesem Land die Bevölkerung altert. Und wie man hört, soll ein zunehmender Anteil der Alten, verglichen mit der Gesamtbevölkerung, pflegebedürftig [1] werden. Eine neue Studie des Max-Planck-Institutes zeigt jedoch, dass in Deutschland das Risiko, im Alter pflegebedürftig zu werden, in den letzten fünfzehn Jahren zurückgegangen ist. Damit geht der Anstieg der Lebenserwartung generell mit einer besseren Gesundheit einher.

Aussichten Bearbeiten

Bis zum Jahre 2050 wird der Anteil der älteren Bevölkerung in Deutschland steigen. Diese Zahlen machen es deutlich: im Jahre 2001 waren 24 % sechzig Jahr und älter, 2050 werden es ca. 37 % sein, und der Anteil der über 80-Jährigen wird sich nach sogar verdreifachen: von ca. 4 % auf 12 %. 1950 lag dieser Anteil noch bei 1 %. Das relative Wachstum der älteren Bevölkerung hat zwei Ursachen: die Geburtenziffern sind gesunken, während zur gleichen Zeit die Lebenserwartung gestiegen ist. Die vom Statistischen Bundesamt für ihre „mittlere Variante” der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung zu Grunde gelegte Lebenserwartung von 81,1 Jahren für Männer und 86,6 Jahren für Frauen im Jahr 2050 muss dabei noch als sehr konservativ betrachtet werden. Es ist wahrscheinlich, dass die Lebenserwartung in Deutschland im Jahr 2050 deutlich höher liegt als gegenwärtig angenommen wird.

Pflegebedürftigkeit Bearbeiten

Als Pflegebedürftig [2] wurden im Jahr 2001 in Deutschland rund zwei Millionen Menschen nach Kriterien der Pflegeversicherung eingestuft. Das entspricht einem Anteil von etwa 2,5 % der Gesamtbevölkerung. Von diesen zwei Millionen Pflegebedürftigen wurden 70 % (1,44 Millionen Personen) zu Hause versorgt, davon eine Million ausschliesslich durch Angehörige und 435.000 Personen zusätzlich durch private Pflegedienste. 30 % (604.000 Personen) wurden in institutionellen Einrichtungen betreut.

Aussichten Bearbeiten

Wie wird sich der Pflegebedarf in Zukunft entwickeln? Es ist gewiss, dass durch die Alterung der Bevölkerung der Anteil der pflegebedürftigen Personen an der Gesamtbevölkerung steigen wird. Allerdings muss die Zahl der pflegebedürftigen Menschen nicht proportional mit der Zunahme des Anteils der alten Menschen an der Gesamtbevölkerung steigen. Dies hängt davon ab, ob die durch die steigende Lebenserwartung gewonnenen Lebensjahre in Gesundheit oder Krankheit bzw. mit Pflegebedarf verbracht werden.

Bisher konnte die Forschung kein einheitliches Bild über die Entwicklung von Behinderung und Pflegebedarf für alle Länder zeigen. Neuere Studien deuten jedoch hoffnungsvoll auf eine Kompression der Behinderung in die letzten Lebensjahre. Die Ergebnisse der einzelnen Studien hängen jedoch stark davon ab, welche Definition von Behinderung und Pflege verwendet wird.

Sozio-ökonomisches Panel (SOEP) Bearbeiten

In Deutschland wird die Pflegebedürftigkeit der über 60-jährigen Frauen und Männer unter anderem innerhalb des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) erhoben. Diese jährliche Datenerhebung wird seit 1984 in Westdeutschland und seit 1990 auch in Ostdeutschland durchgeführt. Das SOEP ist auf private Haushalte beschränkt und enthält damit nicht die pflegebedürftige Bevölkerung, die in Institutionen betreut wird. Damit unterschätzt das SOEP das Gesamtniveau des Pflegebedarfs. Jedoch ist zwischen 1991 und 2001 der Anteil der pflegebedürftigen Bevölkerung in Institutionen mit 29 bzw. 30 Prozent fast konstant geblieben. Daher führt das Fehlen der institutionellen Bevölkerung in den SOEP-Daten zu keiner Verzerrung in der allgemeinen Entwicklung der Pflegebedürftigkeit.

Pflegebedürftigkeit definiert sich an Hand der beiden Kategorien Einfache Pflegetätigkeiten (An- und Auskleiden, Waschen, Kämmen und Rasieren) und Schwierige Pflegetätigkeiten. Zieht man diese Kategorien heran, zeigt sich auf der Basis des SOEP, dass das Risiko der Pflegebedürftigkeit zwischen den beiden Perioden 1991 bis 1997 und 1998 bis 2003 geringer geworden ist.

Risikofaktoren für die Pflegebedürftigkeit Bearbeiten

Das Alter ist der wichtigste Risikofaktor für Pflegebedürftigkeit. Dieser steigt mit zunehmendem Alter exponentiell an. Männer haben ein ähnliches Risiko pflegebedürftig zu werden wie Frauen (Inzidenz). Betrachtet man hingegen die Prävalenz der Pflegebedürftigkeit – den Anteil der pflegebedürftigen Personen in einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt –, zeigt sich ein höherer Frauenanteil. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Frauen, wenn sie pflegebedürftig sind, längere Zeit in diesem Status verbleiben als Männer. Das liegt daran, dass in allen Altersgruppen die Sterblichkeit der Frauen niedriger ist als die der Männer.

Ostdeutschland Bearbeiten

Ostdeutsche haben tendenziell ein höheres Risiko pflegebedürftig zu werden als Westdeutsche. Mögliche Ursachen dafür sind das weniger entwickelte Gesundheitssystem, eine generell ungesündere Lebensweise in Hinblick auf Ernährung, Rauchen, Alkoholkonsum und sportliche Aktivitäten sowie die höheren Umweltbelastungen in der ehemaligen DDR.

Westdeutschland Bearbeiten

In Westdeutschland lebende Zuwanderer haben über den gesamten Untersuchungszeitraum eine niedrigere Wahrscheinlichkeit pflegebedürftig zu werden als Deutsche. Für diesen Unterschied kommen zwei Ursachen in Betracht: Es ist anzunehmen, dass vornehmlich gesunde Menschen ihr Land verlassen, um in einem anderen Land nach Arbeit zu suchen („healthy-migrant effect“). Das Ergebnis könnte jedoch auch ein Indiz dafür sein, dass Ausländer wieder in ihr Ursprungsland zurückkehren, bevor oder wenn sie pflegebedürftig werden.

Bildung Bearbeiten

Auch Bildung beeinflusst das Risiko der Pflegebedürftigkeit. Personen mit höherer Bildung – Realschulabschluss, Fachhochschulabschluss oder Abitur – haben ein niedrigeres Risiko als Personen mit Volks- bzw. Hauptschulabschluss oder ohne Abschluss. Höhere Bildung führt nicht nur zu einem durchschnittlich höheren Einkommen, das einer Person bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie einen verbesserten Zugang zu medizinischer Versorgung gewährt. Sie erhöht auch das Bewusstsein für einen gesunden Lebensstil – höher gebildete Personen ernähren sich besser, rauchen weniger, trinken seltener Alkohol, und gleichzeitig betreiben sie öfter Sport und nehmen medizinische Vorsorgeuntersuchungen eher regelmäßig wahr als Personen mit einem vergleichsweise niedrigen Bildungsniveau.

Familienstand Bearbeiten

Betrachtet man die Pflegebedürftigkeit nach dem Familienstand, finden sich in den SOEP-Daten niedrigere Risiken für ledige und geschiedene Personen als für Verheiratete, während verwitwete Personen in etwa das gleiche Risiko wie verheiratete Personen haben. Allgemein wird in der Literatur jedoch einstimmig den verheirateten Personen der beste Gesundheitszustand nachgewiesen. Diese Diskrepanz zwischen Literatur und der neuen SOEP-Analyse lässt sich durch das Fehlen der Bevölkerung in Pflegeeinrichtungen in diesem Datensatz erklären. Da verheiratete und verwitwete Personen häufiger einen Partner und/oder Kinder haben, die die Pflege übernehmen, können sie somit zu Hause gepflegt werden. Geschiedene und ledige Personen sind hingegen öfter auf institutionelle Hilfe angewiesen und fallen damit aus der Stichprobe des SOEP heraus.

Konklusion Bearbeiten

Insgesamt zeigt diese Analyse, dass die Alterung der Bevölkerung nicht von einem parallelen Anstieg der Zahl der pflegebedürftigen Personen begleitet sein muss. So sank in Deutschland von 1991 bis 2003 das Risiko pflegebedürftig zu werden. In Zukunft ist es wahrscheinlich, dass sich das ostdeutsche Lebensniveau weiter an das westdeutsche angleichen wird. Kommende Generationen werden zunehmend an der sich seit den 60er-Jahren ausbreitenden Bildungsexpansion partizipiert haben, wodurch sich das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung erhöht. Diese Faktoren sprechen dafür, dass das Pflegerisiko weiter sinken wird. --Nora_Consors 09:13, 15. Okt 2008 (UTC)


  1. Pflegewissenschaftliches Verständnis von Pflegebedürftigkeit
  2. Gesetzliches Verständnis von Pflegebedürftigkeit in Deutschland